Weg vom Selbstzweifel

Erfahrungen Hundeerziehung

Die letzte Zeit höre ich von vielen Leuten, die ich unterwegs treffe, dass sie sich mit den Macken und Problemen ihrer Hunde überfordert fühlen. Gleichzeitig kommen dann oftmals bewundernde Komplimente bezüglich meines ach so lieben, ruhigen, gehorsamen Hundes – sofern er sich gerade nicht von seiner schlechtesten Seite zeigt. 😉

Deswegen möchte ich heute gerne meinen bisherigen Weg mit Shat mit euch teilen um zu zeigen, dass nicht immer alles so ist wie es scheint. Vielleicht findet sich der ein oder andere Hundebesitzer ja in meinen Erfahrungen wieder und kann daraus etwas Mut schöpfen.

Shat ist ein 3,5 Jahre alter, kastrierter Rottweiler / Border Collie Mix, den ich mit 8 Wochen bekam. Obwohl Familienmitglieder und Freunde schon immer Hunde besaßen, so war dies doch mein erster eigener Hund, für dessen Erziehung ich allein verantwortlich war.

Ich hatte mich zwar im Vorfeld über alles mögliche informiert, zig Bücher gelesen und mir unglaublich viele Pläne und Strategien zurecht gelegt, aber was mich da tatsächlich erwartet, war mir vorher nicht klar.
Nun muss ich gestehen, dass ich mir mit dieser ungewöhnlichen Rassemischung so ziemlich das ungünstigste zugelegt habe, was man sich als Ersthund aussuchen könnte.
Shat hat die typische Energie eines Border Collies, die es manchmal auszubremsen gilt. Zudem einen hohen Jagdtrieb und hin und wieder Anzeichen von Hütetrieb. Dazu kommen die Kraft und die Muskeln eines Rottweilers, sowie ein ausgeprägter Schutztrieb. Bezogen auf die Familie und gute Freunde, ist er ein absoluter Schatz, allerdings eher skeptisch gegenüber Fremden und territorial. Zu allem noch eine große Portion Intelligenz und eine Tendenz zu dem Verhalten, was viele als “Dominanz” bezeichnen. Alles in allem also ein nicht gerade einfaches Energiebündel.

Doch wie fing eigentlich alles an:

Als ich Shat bekam, zeigte sich relativ schnell, dass ich mir da einen nicht ganz gewöhnlichen Welpen ausgesucht habe. Obwohl er erst 8 Wochen alt war, war die erste Aktion in den heimischen 4 Wänden, dass er mich und andere Familienmitglieder anrammelte. Es bestand bei ihm außerdem noch keinerlei Beißhemmung, was zu blutigen Händen in den ersten Wochen führte. Außerdem fiel mir bereits am dritten Abend auf, dass dieser Hund definitiv einen Schutztrieb hat. So stellte sich dieser 8 Wochen alte, winzige Welpe abends zwischen einen daher torkelnden Mann und mich, sträubte das Nackenfell, die Rute kerzengerade, Kopf selbstsicher erhoben und mit einer überraschend tiefen Stimme knurrend. Ich musste tatsächlich meinen kleinen Welpen wegziehen, da er sonst nicht gewichen wäre und vermutlich von dem angetrunkenen, aber nicht aggressiven Herren einfach über den Haufen gelaufen worden wäre.

Zu diesem Zeitpunkt nahm ich das allerdings noch nicht ganz so ernst und freute mich sogar ehrlich gesagt etwas darüber. Wer hat denn nicht gerne einen Hund, der einen beschützt?
Umso mehr freute ich mich natürlich, dass er mich im Alter von 8 Monaten tatsächlich gegen einen aufdringlichen Betrunkenen verteidigte, der mich anpackte. Er hat ihn nicht gebissen, allerdings umgesprungen und stand knurrend vor ihm, sodass dieser sich schnell aus dem Staub machte.

Was natürlich gut für mich war, war allerdings auf lange Sicht nicht das, was ich mir für die Entwicklung meines Hundes wünschte – zumindest sollte ich das später realisieren.

Shat war eine ganze Weile ein sehr lieber und in meinen Augen unproblematischer Hund. Ja, er spielte sehr wild mit anderen Hunden und war schwer auszubremsen, ja, er war nicht wirklich abrufbar wenn was interessantes auftauchte und meistens zog er auch an der Leine… aber hey, so schlimm war das doch gar nicht. Oder doch…?
Ich kam gut mit ihm zurecht, aber ich konnte ihm irgendwie nie 100%ig vertrauen.

Zum ersten mal wurde mir erst viel später bewusst, dass ich tatsächlich ein Problem habe.

Als Shat etwa 2 Jahre alt war, übernahm meine Mutter einen Großteil der Spaziergänge, da ich zu diesem Zeitpunkt mein Duales Studium anfing. Natürlich ging ich auch mit ihm raus, aber gerade unter der Woche nahm sie mir viele Gassigehrunden ab, da sie nur halbtags arbeitet.
Zu Beginn war auch tatsächlich keine Veränderung zu spüren, allerdings erzählte mir meine Mutter hin und wieder, dass Shat bei ihr nicht richtig hörte und bei bestimmten Dingen einfach bellend in die Leine sprang.
So zum Beispiel bei Fahrradfahrern, fremden Hunden oder Passanten, die zu nah vorbei gingen oder Kinder die laut lachten und schnell vorbei rannten.

Ich tat dies eine ganze Zeit lang mit einem Schmunzeln ab, denn bei mir benahm er sich ganz normal. Doch nach ca. einem halben Jahr begann dieses Verhalten sich auch bei mir einzuschleichen und wurde so schlimm, dass ich das Gefühl hatte, einen anderen Hund vor mir zu haben. Wo war mein etwas durchgedrehter aber lieber Hund nur hin verschwunden??
Dies verunsicherte mich extrem und ich konnte es mir erst nicht erklären, bis ich mit meiner Mutter zusammen einen Spaziergang unternahm bei dem sie den Hund führte.

Ich muss dazu sagen, dass meine Mutter kein so großer Hundeliebhaber wie ich ist, aber die Tiere nun mal auch für sie zur Familie gehören. Als ich meine Mutter beobachtete, fiel mir auf, dass sie generell sehr verspannt beim Spazieren war und jedes mal, wenn irgendjemand oder irgendetwas auftauchte fast schon erstarrte. Und genau darauf reagierte Shat. Er beschützte meine Mutter beim Gassigehen. Und über das halbe Jahr hinweg hatte er dieses Verhalten auch auf mich projeziert. In seinen Augen waren wir nicht die, die das Rudel sicher führten.

Doch was sollte ich nun machen? Selbst ich konnte nicht mehr mit ihm sicher an fremden Menschen vorbei gehen ohne dass er gelegentlich einfach knurrend an ihnen hochsprang. Wie konnte ich ihm noch vertrauen? Wie sollte ich locker und entspannt bleiben? Ich steckte in einem wahren Teufelskreis, denn je unsicherer ich wurde, umso mehr bestärkte ich Shats Beschützerinstinkt.
Doch aufgeben kam nicht in Frage.

Um die Sache relativ kurz zu machen:
Ich nahm mir Privatstunden bei einer wunderbaren Hundetrainerin, lernte viel über Körpersprache, legte mir einen Maulkorb zu um zumindest vorerst ruhiger mit ihm Gassi gehen zu können und arbeitete eine Menge an unserer Bindung. Meine Mutter durfte außerdem nicht mehr mit ihm hier im Wohngebiet Gassi gehen, da ihre Angst einen negativen Einfluss auf Shat hatte. Sie geht nun nur noch ab und zu mal mit der Schleppleine aufs Feld, wo sie allem ganz entspannt ausweichen kann um ruhig zu bleiben. 😉

Seitdem ist nun ein Jahr vergangen und ich kann sagen, dass sich Shat wieder zurück gewandelt hat. Er ist zwar dennoch kein super aufgeschlossener Hund, der jeden Fremden abschleckt, aber ich habe ihm beigebracht hinter mir zu bleiben, wenn wir fremde Menschen oder Hunde treffen. Er vertraut mir soweit, dass ich die Dinge kläre und er sich nicht gezwungen fühlt alles von uns weghalten zu müssen. Dadurch ist er viel entspannter und ich sorge dafür, dass seine nötige Individualdistanz zu Fremden auch von diesen eingehalten wird. Der Maulkorb ist somit also wieder Geschichte, wir haben viel an Leinenführigkeit und nonverbaler Kommunikation gearbeitet und unsere Bindung hat sich verbessert und vertieft. Viele Leute können sich also gar nicht vorstellen, dass es überhaupt Probleme mit so einem “braven”, zurückhaltenden Hund geben könnte, der sich doch so super an mir orientiert und auch kleine Kläffer einfach ignoriert.

Was ich euch damit aber eigentlich sagen möchte ist, dass eben nicht immer alles so ist wie es scheint und sehr viel möglich ist zu bewältigen.

Außerdem würde ich gerne meine 5 wichtigsten Erkenntnisse der letzten 3,5 Jahre im Umgang mit Shat mit euch teilen. Ich bin zwar keine ausgebildete Hundetrainerin, aber vielleicht hilft dem ein oder anderen ja ein wenig diese Erfahrung.

1. Du bist nicht schuld.

Denke bitte niemals, dass du “schuld” an der derzeitigen Situation bist oder es daran liegt, dass du etwas “falsch” machst. Selbst in der Kommunikation mit anderen Menschen entstehen oft Missverständnisse und somit erst recht bei der Mensch-Hund-Kommunikation. Schuldzuweisungen helfen uns in dieser Situation aber nicht weiter, sondern lassen uns in dem Problem verharren oder bringen uns im schlimmsten Fall dazu uns im Kreis zu drehen.
Was nötig ist, ist in diesem Fall eine Analyse der derzeitigen Situation mit anschließender Veränderung.

Und da kommen wir schon zu einer wundervollen Eigenschaft von Hunden: Hunde sind wahnsinnig anpassungsfähig und veränderungsbereit.
Sie sind nicht “nachtragend” wie wir Menschen und  sie leben mehr im Hier und Jetzt statt in der Vergangenheit.
Das bedeutet, sobald wir etwas an unserer Kommunikation und unserem Umgang ändern, werden sich unsere Hunde anschließen. Natürlich nicht von heute auf morgen, aber es wird passieren.
Selbst wenn wir bisher alles “falsch” gemacht haben aus unserer Sicht, so ist das nicht das Ende. Wir können jederzeit etwas ändern!
Ist das nicht wahnsinnig tröstlich?

2. Konsequenz statt ständiger Wechsel

Wenn ich eines in der Erziehung von Shat gelernt habe dann folgendes:

Es gibt unendlich viele verschiedene Methoden und Erziehungsstile, die klappen können und kein wahres Patentrezept.
Das wichtige dabei ist allerdings, nicht alle nacheinander auszuprobieren. Wir sollten uns diverse Möglichkeiten anschauen und uns dann dafür entscheiden, was unserem Verständnis und dem Typ unseres Hundes entspricht und dies dann mit Konsequenz durchsetzen. Denn all diese Methoden sind auf Langfristigkeit und Konsequenz ausgelegt. Fünf verschiedene Herangehensweisen in einer Woche auszuprobieren, weil keine einzige zu klappen scheint oder weil jeder etwas anderes empfiehlt, macht die Situation meist nur schlimmer. Besser ist es auf seinen Bauch zu hören in welche Richtung es gehen soll und sich dann kompetente Unterstützung in Form eines Hundetrainers zu holen. Allerdings natürlich immer gewaltfrei.

3. Der Abschied vom Perfektionismus

Wünschen wir uns nicht alle irgendwo den perfekten Hund? Er soll immer hören, immer brav und gut gelaunt sein, sich mit jedem Hund und Menschen verstehen, aber auch kein hilfloses Mobbingopfer anderer Hunde sein und uns im Optimalfall auch noch beschützen können. Das wären schon ziemlich hohe Anforderungen an einen Menschen, ganz zu schweigen von einem Hund. Wie oft sind wir denn bitte immer gut gelaunt, hören auf das was uns andere sagen und verstehen uns mit allem und jedem…? 😉

Ich habe oft gemerkt, dass ich nicht nur sehr hohe Erwartungen an mich selbst in Sachen Erziehung stelle, sondern auch sehr viel von meinem Hund erwarte, was so gar nicht immer zu leisten ist.
Oft habe ich mich auch selbst unter Druck gesetzt, weil mir die Meinung von anderen so wichtig war.
Ich habe mich wahnsinnig geschämt, wenn sich mein Hund nicht gut benommen hat. Habe mich gefragt, was die anderen jetzt wohl denken mögen und mir gesagt, dass das alles nur daran liegt, dass ich meinen Hund nicht gut genug erziehe. Schließlich haben alle anderen ja Hunde, die viel besser hören, ja gerade zu perfekt sind! Richtig?
Falsch.

Fast jeder Hundebesitzer kann über so einige Probleme und Macken seines Hundes klagen. Wir alle stoßen manchmal an unsere Grenzen und stehen hilflos neben unserem vierbeinigen Gefährten und fragen uns “Mist… und jetzt…?”. Kein Hund ist perfekt und die wenigsten sind absolut pflegeleicht und erfüllen alle Erwartungen. Aber das müssen sie doch auch gar nicht.

Und damit kommen wir schon zum nächsten Punkt.

4. Was ist dir wichtig?

Wir allein müssen entscheiden, was uns wichtig ist im Umgang mit unseren Hunden. Was muss mein Hund wirklich können? Muss er immer gut drauf sein oder reicht es nicht auch, wenn er eine gewisse Stresstoleranz lernt und somit seinen Frust nicht gleich an allem auslässt? Muss mein Hund sich mit jedem Hund und Menschen verstehen oder reicht es nicht auch, dass er unsympathischen Fremden aus dem Weg geht und sie ignoriert solange ich für Abstand sorge? Muss mein Hund zig Kunststücke können oder reicht es nicht auch, dass er einen guten Grundgehorsam hat und sich an mir orientiert?

Wir müssen uns genau überlegen, was wir erreichen wollen, wenn möglich so wenig verallgemeinernd und so realistisch wie möglich und dann konkrete Wege finden, die zu diesem Ziel führen.
Und dabei ist das, was andere darüber denken mögen erst einmal völlig zweitrangig.

5. Lass dir Zeit

So frustrierend wie das manchmal klingen mag, aber jede Veränderung, jedes Lernen benötigt Zeit. Der Aufbau einer Bindung zwischen Hund und Mensch mag recht schnell gelingen, aber das Festigen dieser Bindung und das aufeinander Abstimmen dauert oftmals Jahre. Das hat auch gar nichts damit zu tun wie sehr wir unsere Hunde lieben oder wie sehr sie uns lieben. Es dauert einfach bis man sich so vertraut ist, dass man den anderen wirklich einschätzen und ohne viel Worte verstehen kann. Auch wenn zwischen Shat und mir immer eine ganz besondere Bindung vorhanden war, so kann ich erst jetzt nach 3,5 Jahren sagen, dass wir langsam ein wirkliches Team werden. Und dieser Prozess ist noch lange nicht zu Ende.

Auch unsere Hunde verdienen, dass wir ihnen die nötige Zeit geben ein bestimmtes Verhalten zu erlernen oder zu verändern. Hätte von uns in der ersten Klasse nachdem wir die Zahlen 1-10 gelernt haben jemand erwartet, dass wir Brüche berechnen? Hätten wir selbst überhaupt daran geglaubt, dass wir so etwas jemals können würden?
Es ist fast alles möglich, solange wir uns und unseren Hunden die Zeit und das Verständnis einräumen, die sie dafür benötigen.
Obwohl das mit dem Brüche berechnen bei einem Hund wohl ein ganzes Weilchen dauern könnte… 😉

So, ein langer Blogeintrag heute von mir. Vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen oder vielleicht hat ja noch jemand etwas Kritik und Verbesserungsvorschläge diesbezüglich? 🙂

In diesem Sinne einen wunderschönen Samstagabend euch!

Nele




Hunde Plattform miDoggy





1 Comment
  1. Oskar,Mira& Happy 4 Jahren ago

    Danke für diesen tollen Artikel 🙂 Ich kann mich Dir anschließen, ich ahbe ähnliche Erfahrungen machen können, letztendlich sind genau diese Erfahrungen sogar der Grund, warum ich Trainerin geworden bin! Man will zu schnell zu viel, man vergisst das eigene Bauchgefühl und man ist schneller im Teufelskreis als man denkt. Der Ausstieg wird dann natürlich schwer…
    Dein Artikel macht Mut!! Wir können nachfühlen, weiter so 🙂

 

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