NOTORIOUS VIKTORIA, CHUMMY CHUMA UND SPEEDY SPIKE SIND »DIE GANG«

Mit nur drei Beinen bahnte sich der Straßenhund Speedy Spike den langen Weg von einer türkischen Schutthalte bis nach Berlin. Wie er dort letztlich mit seiner Sturheit das Herz von Viktoria eroberte und welche Rolle die Hündin Chummy Chuma dabei spielt, erfahrt Ihr im Interview.
Außerdem gibt es spannende Einblicke in das Leben mit einem behinderten Hund – und welche Herausforderungen und Freunden dieses bereit hält!
Liebe Viktoria, wie bist Du auf den Hund gekommen?

Eine meine ersten Erfahrungen mit Hunden war im zarten Kindesalter von circa zwei oder drei Jahren. Unsere Familie traf sich an Wochenenden oft zu großen Abendessen. Wir Kids tobten rum, bis wir irgendwann auf den Schößen unserer Mütter einschliefen und den Gesprächen und dem Gelächter unserer Familie lauschten. Eines Abends war ein Cousin meiner Mutter mit seinem Bobtail dabei. Dieser grau-weiße Riese strahlte eine enorme Ruhe aus und zog mich geradezu magisch an.  Als ich nach dem Toben müde und erschöpft war, kuschelte ich mich an ihn heran und schlief ein – damit war es um mich geschehen.

Und nun also Deiner aktuellen »Gang«: Aus welchen Mitgliedern besteht sie?

Unsere »Gang« besteht aus dem dreibeinigen Husky-Kangal-Mischling Speedy Spike, der kleinen Rotanero-Bodeguero Mischlingshündin Chummy Chuma und meiner Wenigkeit.

Fangen wir mal mit Spike an: Wie war sein Lebenslauf bisher?

Speedy Spike ist erst knappe zwei Jahre alt, d.h. er hat in dieser kurzen Zeit bereits viel erlebt und erlitten, doch das ist ihm nicht anzumerken: Er wurde Anfang 2017 von einer Müllkippe in der Türkei gerettet. Bei seiner Rettung war er bereits ein Dreibeiner. Wir gehen davon aus, dass ihn ein gutherziger Mensch nach einem schlimmen Unfall zum Tierarzt brachte und dieser sein Bein sauber – allerdings mitsamt des kompletten Knochens – amputierte. Deshalb kann Speedy leider keine Prothese tragen. Das Trauma des verbliebenen Hinterlaufes (ausgekugelten Kniescheibe und Kreuzbandriss) wurde bei diesem Tierarztaufenthalt jedoch nicht behandelt, sodass er unten diesen Verletzungen bis vor kurzem noch litt.

Speedy wurde anscheinend nach seiner Ausheilung direkt wieder auf die Strasse bzw. die Müllkippe entlassen, wo ihn Tierschützer glücklicherweise aufsammelten und seinen Transport nach Deutschland ermöglichten. Hierzulande kam er in einer Pflegestelle bei den großherzigen Tierschützerinnen Tina und Jutta unter. Die beiden retten bzw. pflegen hauptsächlich Hunde aus Rumänien, Bulgarien und der Türkei.

Wie sehr hast Du Dir im Vorfeld Gedanken über das Leben mit einem behinderten Hund gemacht?

Ehrlich gesagt, gar keine. Zwei Wochen bevor ich zu den Tierschützerinnen nach Rudow fuhr, hatte ich auf Facebook ein Video über einen dreibeinigen Hund in Amerika gesehen. Die circa sechs Jahre alte Tochter der Familie antwortete auf die Frage hin, was ihr der Hund beigebracht hätte: »He taught me that happiness is a choice and that there is always something to be joyful about, no matter your circumstance.« (auf Deutsch: »Er lehrt mich, dass glücklich sein eine Wahl ist und dass es immer etwas gibt, worüber es sich zu freuen lohnt, egal wie unsere Umstände auch aussehen mögen.«) Ich war erstaunt darüber, solch eine Reife und Weisheit aus dem Mund einer Sechsjährigen zu hören. Diese dann auch noch auf einen Hund zurückführen zu können, hat mich begeistert.

Darüber hinaus beindruckte mich der Fakt, dass dieser behinderte Hund keinerlei Selbstmitleid empfand. Im Gegenteil! Er stürmte gut gelaunt und fröhlich auf seinen drei Beinchen herum und ließ sich von Nichts und Niemandem die Laune verderben. Das Ego ist bei Hunden völlig raus. Sie machen einfach weiter, ohne Depressionen, Geheule oder Fluchtversuche in Alkohol oder Drogen, ganz anders als der Mensch. Natürlich können Hunde aus einem Unfall ebenso traumatisiert hervorgehen wie Menschen, aber ihre Attitüde ist meist bemerkenswert und kann uns viel lehren.

Wie rückte Speedy in den Fokus Deiner Aufmerksamkeit?

Speedy war überhaupt nicht in meinem Fokus. Nach dem Ableben meines Hundes Chesters haderte ich eine Weile, bis ich mir eingestand, dass ein Leben ohne Hund für mich kein gutes Leben ist. Ich fing also langsam an Ausschau nach einem kleinen Hund zu halten, den ich überall mitnehmen kann. Auf meiner Internetsuche stieß ich auf den kleinen Tazy, der bei Jutta und Tina in Rudow in Pflege lebte. An einem heißen Sonntag im Juni fuhr ich dort hinaus, um mir den Kleinen anzuschauen. Dieser Besuch war einer der besten Tage des Jahres: Auf dem Hof wuselten rund zweiundzwanzig Hunde herum – überall Gebell, Gejaule und Aktion. Für mich ist das der Inbegriff von himmlisch!

Speedy war einer der ersten Hunde an meiner Seite. Seine Augen blickten mir direkt in die Seele, aber sie gehörten zu einem großen Hund (nein, das wollte ich nicht), der auch noch behindert war… Nein, das wollte ich nun ganz und gar nicht!

Ich wandte mich also ab und begutachtete den kleinen Tazy. Schnell wurde klar, dass wir nicht auf einer Wellenlänge waren. Nachdem ich eine Stunde lang noch auf dem Boden saß und Speedy während meiner Unterhaltung mit Tina streichelte, zog ich unverrichteter Dinge von Dannen. Allerdings ging mir Speedy in den kommenden Wochen trotz bester Bemühungen nicht aus dem Kopf! Stattdessen hallte immer wieder das Zitat des jungen Mädchens in meinem Kopf nach. Nach drei Wochen rief ich Tierschützerin Jutta an und fragte, ob ich Speedy auf eine Probewoche zu mir nehmen dürfte. Aus dieser Woche wurden Monate, in denen ich zu eruieren gesuchte, was wohl das Beste für den Großen sei. Nach vielen Abwägungen realisierte ich, dass er die Stadt liebt und ein Leben auf dem Land für ihn die reine Langeweile wäre. Insofern wurde klar: Speedy Spike bleibt!

Welche Voraussetzungen musstest Du dafür Deiner Meinung nach mitbringen?

Sagen wir es so: Wäre Speedys verbleibender Hinterlauf fit und gesund gewesen, dann wäre es keine große Umstellung gewesen. Weder für meinen Lebensstil, noch für meine Geldbörse. Wir leben in einer mittelgroßen Wohnung im fünften Stock und haben einen Lift im Haus insofern ist dahingehend alles im Lot.

Erst als wir realisierten, wie schlimm seine Beschwerden im verbliebenen Hinterlauf und welche Kosten mit deren Behebung verbunden waren, geriet ich ins Schwitzen. Die Behinderung selbst war dabei das kleinste Übel.

Viel wichtiger sind meines Erachtens die Wesenszüge der verschiedenen Hunderassen. Speedy Spike ist ein Huskie-Kangal-Mix. Diese Rassen sind nichts für leichte Gemüter oder Anfänger. Insofern musste ich mir einiges Wissen aneignen, viel Geduld und Know-How mit an den Start bringen, um sicherstellen zu können, dass aus uns ein harmonisches Rudel wird.

Wie ehrlich, hilfreich und nachhaltig zur Seite stehend ist der Tierschutz?

Die beiden Damen waren und sind bis heute der Fels in unserer Brandung. Ich bin ihnen ungemein dankbar, dass sie so geduldig mit mir waren und mir bis heute immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Ich würde sogar sagen, dass aus Jutta und mir Freundinnen geworden sind.

Wie ist der Alltag mit Speedy Spike nun in der Realität?

Der Alltag mit Speedy ist wie mit jedem anderen Hund auch. Er muss drei bis viermal am Tag raus und genießt die Abenteuer und die vielen Menschen der Großstadt. Er ist sehr aufgeschlossen und liebevoll, begrüßt jeden, der einen freundlichen Eindruck macht und versucht sogar weinende Kinder zu trösten, die seinen Weg kreuzen. Lange Strecken machen wir mit dem Rolli, alle kürzeren geht er, dank der tollen Physiotherapie, inzwischen auch wieder so – mit einem geraden Rücken und einem durchgestreckten Bein. Das war vor der Operation ganz anders.

Gab oder gibt es gravierende Unterschiede zu Deiner Erwartung?

Ich hatte erwartet, dass die Behinderung die größte Herausforderung sei, jedoch waren es eher Speedys Wesenszüge, die mich bis an den Rand der Verzweiflung geführt haben:

Huskies und Kangals sind unabhängige Hunderassen. Sie können Menschen durch Schneestürme ziehen und an einen sicheren Ort bringen oder Schafe hüten, ohne jemals Anweisungen von einem Menschen zu erhalten. Mit diesen Hunden eine enge Verbindung aufzubauen, geht weit über die »normalen« Trainingsmaßnahmen hinaus, bzw. sind die meisten davon völlig unwirksam. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, helfen weder Leckerlies noch Druck. Speedy ist einfach unglaublich stur. Ochs und Esel sind  ein Witz dagegen. Ich brauchte einen langen Atem, Geduld und eine Sturheit, die die seine noch übertrifft. Anfangs vergoss ich viele Tränen. Menschen schienen keine sonderlich wichtige Rolle in Speedys Leben zu spielen, außer eben, wenn er gestreichelt werden wollte oder Ausschau nach Fressen hielt. Da er bis zu unserem Zusammentreffen aufgrund seiner Schmerzen nur rumlag und sich nur wenn nötig bewegte, war er eine wahre Herausforderung. Er musste alles von Anfang an lernen: Gassi, Tagesabläufe, Regeln etc.

Diverse Male musste ich ihn mehrere Blocks nach Hause tragen. Ich habe mir einige Muskelzerrungen und Rückenprobleme eingehandelt, bis er endlich schnallte, was er zu tun hatte.

Deshalb fiel auch unsere offizielle Probezeit ziemlich lang aus. Ich war mir einfach nicht sicher, ob das Stadtleben das Richtige für ihn sei, doch mit viel Liebe und Durchhaltevermögen, mit noch mehr Geduld und meiner eigenen Sturheit habe ich die Schlacht für uns gewinnen können. Nun ist er fest eingegliedert, kennt seine Rolle im Rudel und ist nur noch äußerst selten aufmüpfig.

Wie unterscheidet sich Spike in seinem Gemüt von einem ganz gesunden Hund?

Überraschenderweise erscheint er mir weitaus entspannter und gelassener als »normale« Hunde. Ich war davon ausgegangen, dass ein Hund mit solchen Erfahrungen vielleicht ängstlich, aggressiv oder skeptisch wäre, aber nichts davon ist der Fall. Speedy ist fröhlich, enorm stark und hat das Herz eines Löwen. Er ist liebevoll, warmherzig, lustig, humorvoll, charmant und höflich: geradezu ein wahrer Gentlemen. Jetzt gerate ich ins Schwärmen, aber tiefenentspannt, kinderlieb und enorm geduldig ist er auch noch – vor allem mit Chuma und mir. Wir beide sind eher hyperaktiv, da grummelt er schon mal freundlich vor sich hin. Speedy ist unser Ruhepol, der immer gut gelaunt an unserer Seite wacht und unsere Hysterie gern aufs Korn nimmt – mit reichlich Humor.

Das komplette Interview findet Ihr unter:

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