Konditionierung vs. Führung

Ein großes Feld welches sich auftut, wenn man nur diese beiden Wörter der Überschrift liest. Zur Erziehung des Hundes gibt es zahlreiche Theorien, Ideen und Überzeugungen. Bald so viele wie es Menschen gibt!

Meine Wissensaneignung über Hunde hat in Rostock bei der Hundeschule “Sonntags Hütte” begonnen (http://www.sonntags-huette.de/). Ska sprach dabei nicht von Erziehung, sondern von Führung des Hundes. Davon ihm Grenzen zu setzen und ihm verständlich zu machen, was NICHT erwünscht ist. Dies geschieht hauptsächlich über die innere Einstellung und die Energie, die ich in mir trage. Zur Unterstützung nutze ich als Mensch meinen Körper und grenze so den Hund beispielsweise ein. Das fand ich damals sehr beeindruckend zu sehen und sehr erstaunlich, da ich zuvor noch nie die Hunde aus solch einer Perspektive betrachtet hatte. Ich setze mich weiterhin stark mit diesen Themen auseinander. Dabei stieß ich auf die Rudelstellungen nach Barbara Ertel, welche im ersten Moment sehr spannend zu verfolgen, aber im Endeffekt sehr kritisch zu betrachten sind. Auch die Sendungen und Bücher von Maike Maja Nowak begleiteten mich eine Weile auf meinem Weg. Für mich eröffnete sich damals eine ganz neue Welt und ich glaubte die der Hunde um einiges besser zu verstehen.

Nun ja, meine Zeit bei “Sonntags Hütte” musste ich dann leider beenden, da ich in eine andere Stadt ziehen und meine Weiterbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention am Institut für soziales Lernen mit Tieren beginnen wollte (http://lernen-mit-tieren.de/).

Gesagt, getan! Eine unglaublich interessante Erfahrung, endlich etwas lernen zu können, dass mich wirklich interessiert. Doch mit dieser Zeit gingen auch Konfrontationen und Verwirrungen einher. Der wissenschaftliche Stand der Dinge bezieht sich durchgängig auf die Konditionierung von Tieren. Jegliche Arbeit mit dem Hund bezog sich auf die positive Verstärkung. Erwähnte ich den Begriff der Führung und Grenzsetzung, wurde dies meines Empfindens nach, sofort negativ gedeutet. Mit Gewalt und Druck und Kamp gleichgesetzt. Meine Versuche deutlich zu machen, dass dies nicht der Hintergrund dieser Einstellung sei, erwies sich als äußerst schwer.

Ich begann also mich intensiver mit dem Thema der Konditionierung und positiven Verstärkung zu beschäftigen und fand auch darin viele gut funktionierende Ansätze. Seinen Hund mit Lob und Liebe  und positiver Stimmung zu erziehen klingt wundervoll und durchaus erstrebenswert. Bis zu dem Punkt an dem man realisiert, dass das Zusammenleben mit einem Hund nicht immer nur wundervoll ist.

So erging es mir, nachdem ich im Juni 2016 meinen reif überlegten Gedanken nachgab und meine Holly zu mir holte. Auslandstierschutz war nie der Plan, aber im lokalen Tierheim oder mit Hunden in nahegelegenen Pflegestellen hatte ich kein Erfolg. So fiel die Entscheidung dann doch auf die “Hunderettung e.V.”, einem Tierschutzverein, der mit spanischen und italienischen Tierheimen zusammenarbeitet und die Tiere vermittelt. Auf folgender Seite seht ihr meine Holly und das sie nun ein zu Hause gefunden hat: http://www.hunderettung-ev.com/index.php/holly

In den ersten Wochen war Holly ein Traum – und ja mir ist bewusst wie ich das hier gerade formuliere. Sie zeigte all das Verhalten, welches ich mir gewünscht und erhofft hatte bzw. zeigte sie eben kein Jagdverhalten, ließ sich problemlos an Artgenossen vorbeiführen und reagierte sehr positiv auf Menschen. Schon sehr schnell entstand eine sehr enge Bindung zwischen Holly und mir. Sie folgte mir auf Schritt und Tritt und wir konnten problemlos ohne Leine spazieren gehen. Ein Traum! Ich hatte komplett ausgeschaltet, dass sich dies irgendwie ändern könnte, wenn sie erst einmal richtig bei mir angekommen wäre und sich sicher und zu Hause fühlt. Nach ein paar Monaten begann sie mir die ersten Male weg zu laufen, weil sie ein Tier sah oder roch, so dass der Spaziergang ohne Leine immer mehr zur Aufregung und zum Risiko wurde. Nachdem es das erste Mal zu einer heftigen Auseinandersetzung mit einem Artgenossen kam, welche zum Glück nur in einer ab- und eingerissenen Kralle, welche dennoch unheimlich stark blutete, endete, zeigte Holly auch verstärkt aggressives Verhalten gegenüber anderen Hunden. Im Nachhinein denke ich, hatte ich eine große Angst und Unsicherheit entwickelt, die ich noch zusätzlich auf Holly übertrug. Heute sind wir an dem Punkt, dass ich Hundebegegnungen am Liebsten aus dem Weg gehe. Für mich sind sie extrem aufregend, denn ich weiß nie wie Holly reagieren wird. Manchmal verläuft alles gut und manchmal wird es echt kritisch.

Ich begann mehrere Trainer zu kontaktieren: Einer wollte mit Leinenrucks arbeiten und dies am Halsband – Ich entschied mich dagegen!

Eine andere unterstützte mich dabei mit Holly nach dem Prinzip der Hundeteamschule (HTS) zu arbeiten und zu leben (siehe hierzu die Erläuterungen zu “Sonntags Hütte” sowie folgende Website: http://www.hundeteamschule.de/teamschule/hundeteamschule.nsf/). Doch schnell wurde mir klar, dass ich dies energetisch nicht stämmen kann. Holly hat sich zu einer Wesensstarken Hündin entwickelt, die nicht so schnell akzeptiert, sondern viel nachfragt und sehr viel Präsenz benötigt, um sich sicher zu fühlen. Ich bin an meine Grenzen gekommen und war bzw. bin zwischenzeitlich immer wieder am Verzweifeln und Aufgeben. Es folgte der Kontakt zu einer Verhaltenstherapeutin, die mir wiederum die positive Verstärkung und den Einsatz von Marker-Wörtern bei Hundebegegnunge ans Herz legte. Ich nutze also das Wort Prima, welches Holly mit einem Leckerlie verband und immer wenn sie in einer Hundesichtung ruhig blieb, sagte ich “Prima” und sie bekam ein Leckerlie. Es funktionierte eigentlich recht gut, zumindest am Anfang. Doch unseren Erfolg konnten wir nicht halten, geschweige denn ausbauen.

Einige Menschen in meiner Umgebung trugen zusätzlich dazu bei, dass ich mich mit Holly nicht so recht finden konnte. Die Meinung ein Hund hätte zu gehorchen wie eine Maschine war recht weit verbreitet und jegliches unerwünschte Verhalten lag an mir und meiner Erziehung begründet. Doch heute ist mir klar, dass das nicht stimmt. Holly lebte mindestens 3 Jahre ohne mich. In dieser Zeit hat sie entsprechende Erfahrungen gemacht, die sie haben überleben lassen. Vieles ist und bleibt natürlich Spekulation, denn niemand wird mir je verraten könne, wie Hollys Leben ausgesehen hat. Wo wurde sie geboren, wie ist sie aufgewachsen und welches Leben hat sie geführt? Meine Vermutung ist ein Leben auf der Straße, aber auch in einer Familie. Ein erwachsenwerden ohne viel Kontakt zu anderen Hunden. Ihr jetziges Verhalten lässt darauf schließen, dass sie einige Signale der Hundesprache nicht zu deuten weiß. Der Artgenosse beschwichtigt, duckt sich und macht sich klein, doch Holly hört nicht auf anzugreifen! Wieso ist das so? In ihrem Kopf aktiviert sich so eine Art Überlebens-Knopf und sie handelt aus Instinkt heraus. Sie hat eventuell in ihrer Zeit auf der Straße nur überleben können, da sie um ihr Essen gekämpft hat und auf Angriff gegenüber Artgenossen gegangen ist. Nun hat sie ein Frauchen und ein zu Hause, welches ihre Ressource geworden ist, welches es zu verteidigen gilt.

Ein anderer Trainer sagte hierzu, dass Futterneid bei einem Hund nicht geduldet werden darf. Eine weitere Trainerin machte mich zum Glück darauf aufmerksam, dass Holly ohne Futterneid wohl nie überlebt hätte und zu mir gekommen wäre. Solche absoluten Sätze gibt es häufig zu hören. Niemals dies tun und niemals das tun und schon gar nicht dies und jenes zu lassen. Das habe ich mir alles zu Herzen genommen und bin daran zu Grunde gegangen. Alles was ich gemacht habe fühlte sich falsch an. Da waren diese vielen Stimmen in meinem Kopf, die mir sagten dass das falsch sei. Und dies ist immer noch so, doch ich versuche mich davon zu befreien.

Neben diesem aggressiven Verhalten zeigte Holly zunehmende Ängstlichkeit. Ging es in ihrer Vergangenheit um Gefahren, wird sie zumeist die Flucht gewählt haben. Hier bei mir hat sie Angst vor der Dunkelheit und geht dann nicht mehr vor die Tür und seit Silvester hat sie eine ausgeprägte Angststörung vor Knallgeräuschen entwickelt. Im neuen Jahr konnten wir noch Wochen kaum vor die Tür. Immer bewusster wird mir, dass eine laute und volle Umgebung großen Stress für sie bedeutet – negativen Stress. Sie zeigt Freude, wenn wir rausgehen wollen, gleichzeitig aber eine so große Unruhe und Impulsivität gepaart mit einem “Gott sei Dank sind wir wieder zu Hause” – Verhalten nach dem Spaziergang, dass dies mit einer sehr hohen Anspannung verbunden sein muss. Umso lauter und umso stärker die Außenreize, desto aufgeregter ist Holly. Desto stärker zieht sie nach vorne an der Leine und desto schwieriger ist sie ansprechbar. Sie reagiert kaum noch auf mich. Ihre Konzentration und Impulskontrolle sinken stark und was bei einem normalen Spaziergang zu Hause die gejagten Vögel sind, sind in der Stadt zusätzlich die Motorräder. Im Endeffekt großer Stress für uns beide, so dass ich mich dafür entschied, sie vermehrt zu Hause zu lassen. Nicht die beste Lösung, denn von mir getrennt zu sein, stresst sie ebenfalls sehr, dennoch die bisher für mich am besten zu vertretende Option.

Was nun also unseren Alltag begleitet ist eine Mischung aus positiver Verstärkung und Grenzsetzung. Ich teile ihr mit, was sie zu lassen und hat und lobe das richtige Verhalten. Zumindest das was in unserer Gesellschaft als richtig und falsch angesehen wird.

Ich wünsche mir so sehr einen möglichst umweltneutralen Hund, der ohne Leine auch in der Stadt neben mir her spaziert. Ein Traum! Und einige scheinen diesen Traum mit ihrem Hund leben zu können. Ich beobachte immer wieder so etwas in der Stadt und kann vor lauter Staunen nicht wegschauen. Meine Augen glänzen und ich will das auch so sehr für Holly und mich! Doch wer weiß warum Holly zu mir gekommen ist, das wird schon seinen Grund haben. Ich wachse mit ihr, auch wenn mir ihr Tempo viel zu schnell ist. Unabhängig von diesem Bild in meinem Kopf und diesen Stimmen, die mir immer wieder einreden, dass mein Hund nicht normal und/oder aggressiv ist und ich dafür verantwortlich bin, finde ich sie einfach super. Sie ist ein toller Hund. Sie ist wunderschön. Sie liebt es zu kuscheln und auch das Fressen liebt sie so sehr wie ich, wahrscheinlich sogar noch mehr^^ Sie ist lieb zu Menschen und Kindern und gibt mir täglich das Gefühl einzigartig und besonders zu sein. Wie eine Freundin es mal beschrieb: “Wie sie dich anschaut und vergöttert….”

Warum so absolut auf die eine oder andere Methode pochen, wenn doch in vielem eine Wahrheit zu finden ist? Warum den Hund in Kategorien einordnen, die es vielleicht gar nicht gibt und die mir den Blick auf das Wesentliche versperren?

Also ich finde meine Holly in keinem Erziehungsbuch wieder. Und ich vermute, dass geht einigen Menschen so. Es gibt einige wie mich da draußen, die verzweifeln und daran weiter an sich wachsen. Die lernen den Hund und besonders sich selbst zu akzeptieren. Aus den Kategorien und gedanklichen Mustern auszubrechen, die unsere Gesellschaft häufig so starr und grau erscheinen lässt. Das passiert eben, wenn sich schwarz und weiß vermischen!

Es wird Zeit für Farbe und Individualität. Es wird Zeit für Selbstliebe und Akzeptanz, für Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten. Es wird Zeit auszubrechen und frei zu sein!




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