Deinen Hund erfolgreich Abrufen – “Hiiier! … Mist der kommt nicht.”

Du stehst auf einem kleinen Feldweg und gehst mit deinem Hund gassi. Nur du und er, kleine Steinchen knirschen unter deinen Schuhen, dein Hund schnüffelt an einem Grasbüschel und eure kleine Welt ist entspannt, alles völlig in Ordnung; bis jetzt.

Plötzlich horcht dein Schnuffel auf und schaut aufgeregt hoch. Du bist in Alarmbereitschaft und siehst dich ebenfalls um. „Was hat er bloß gerochen? Da ist doch nichts.“ Schneller, als du es bemerken kannst, startet dein Hund durch und rennt auf eine Gruppe Spaziergänger zu. Du rufst seinen Namen, pfeifst und klatschst in die Hände. Nach ein zwei Sekunden wirst du nervös, dein Hund macht keinerlei Anstalten sich zu dir umzudrehen. Das kann mit einem Welpen von 9 Wochen passieren oder mit einem ausgewachsenen Hund von 3 Jahren, auch kann das mit anderen Hunden, Fahrradfahrern oder Joggern geschehen. Egal wann diese Situation aufkommt, sie ist immer stressig und kann auch sehr gefährlich werden (für dich, deinen Hund oder auch die anderen). Mal ganz von den unangenehmen Gesprächen abgesehen, in welchen du in leicht gebeugter Haltung, „Entschuldigung…; Das macht er sonst nie…; Ja ich muss aufpassen…; Natürlich bezahle ich die Reinigung…“, herunter betest und hoffst das es bald vorbei ist.

Und so kommen wir zu der Überschrift des Artikels:

„Hiiier! … Mist der kommt nicht.“

Ich bin gerade in einer ganz arg tollen WhatsApp Gruppe. Also eine dieser Gruppen, in der jeder alles von seinem Hund schreibt, Fotos zeigt, Videos postet und auch sein Leid oder seine Sorgen klagt. In dieser Gruppe ist seit ein paar Tagen das „Abrufen“ und das „Freilaufen“ lassen von Hunden ein großes Thema. (Ich hatte angenommen, dass es genügend Blogbeiträge, Foren und Ratgeber zu diesem Thema gäbe, aber ich habe das Gefühl das es immer noch viel zu viele Unklarheiten gibt.) Nunja und wie es mit Problemen so ist, man möchte sie lösen. Also ist es nun soweit: Ich versuche das Thema so zu erklären, dass es auch bei dir funktionieren kann.

Ich habe unzähligen Hunden das Zurückkommen beigebracht, von jung bis alt, vom Amerikan Pitbull bis hin zum norwegischen Elchhund. Jeder war anders, jeder reagierte auf meine Signale anders und jeder stellte mich vor eine neue Aufgabe, aber gelernt haben sie es alle. Ich kann also, wie immer, nicht verallgemeinern; aber ich kann ein paar Tipps geben und zumindest die Basics hier veranschaulichen.

Ich unterteile gerne in verschiedene „Hier-Kommer“: Da haben wir einmal den Welpen von 8 Wochen bis ca. 6 Monaten, der alles wie ein Schwamm aufsaugt und aber auch gerne mal vergisst was du von ihm möchtest. Der erwachsene Hund, der das Kommando „Hier“ auf dem FF kann und immer zumindest mal aufschaut oder sogleich zum Besitzer läuft. Der Erwachsene, der das Wort „hier“ schon mal gehört hat, aber dir eindeutig zeigt, dass es ihm völlig egal ist, was du da gerade für einen Regentanz aufführst. Der Ältere, der brav kommt und der Ältere, der sich denkt „Du kannst mich mal, ich mach das alleine.“. Oder der Hund (meistens ausgewachsene Hunde aus dem Tierschutz etc.), der absolut keinen blassen Schimmer hat, was du von ihm möchtest.

Natürlich gibt es auch noch den Sturen (der einfach keine Lust hat), den Clown (der dich gerne veräppelt und weghopst) oder den Jäger (der eine Spur aufnimmt und sich dann losmacht seine Mission zu beenden). Vielleicht hast auch du einen von diesen Kandidaten. 😉

Du merkst schon wie schwierig es ist die folgende Übung allgemein zu erklären. Deswegen verstehe ich auch das Problem, welches unzählig viele Hundemamas und – papas haben: Nämlich das es schlicht nicht funktioniert!

„ Wie machst du das?“

„Was?“

„Ja, dass deine Drei kommen wenn du sie rufst?“

Vorab muss ich mein Rudel kurz in ein realistisches Licht rücken: Baldur kommt zügig und zuverlässig zu mir (er ist und bleibt mein kleiner Streber), Phelan ist am Anfang der Erziehung und kommt sehr schnell zu mir (der Mini freut sich aber auch zu herzig wenn ich ihn rufe *.*) und Ari lässt sich gerne auch bisschen Zeit (aber er kommt).

Wie baue ich das Kommando „Hier“ auf?

Wenn ich mit einem Welpen arbeite ist es für mich sehr einfach das ganze anzufangen. Welpen haben im Alter von 8 Wochen bis ca. 16 Wochen (von Hund zu Hund kann sich das etwas verkürzen oder verlängern) den ganz natürlichen Drang „der Mama“ nachzulaufen. (Im normalen Alltag kann das einerseits sein weil er Schutz von dir möchte, weil er vielleicht unsicher ist oder weil er sich ein Spiel daraus macht dich zu verfolgen.) Gehen wir nun aber von dem normalen Nachlaufen aus. Das kannst du nutzen und deinen Welpen ohne Leine laufen lassen, wenn es nicht zu gefährlich ist und ihn motivierend rufen wenn er gerade sowieso dir hinterher läuft. Wenn der Kleine dann nah bei dir ist kannst du das Wörtchen „Hier“ einbauen und ihn dafür ganz besonders belohnen. Das gleiche Spiel geht auch im Haus: Ein paar Meter vom Hund entfernen, freudig und motivierend rufen und sofort belohnen wenn er bei dir angekommen ist.

Versuche keine Experimente zu starten und rufe immer gleich, immer in einer sicheren Situation und bitte nicht wenn er gerade super beschäftigt ist und vermutlich nicht kommen würde. (Lieber den Mini einsammeln und später nochmal versuchen, als mehrere Fehlversuche zu haben.) Wenn du dir unsicher bist ob er wirklich kommt, wenn du ihn rufst, leine deinen Zwerg lieber an (Schleppleinen sind dafür super geeignet).

Das selbe Prinzip kannst du auch mit einem Junghund, wie auch einem Erwachsenen anwenden. Nur mit dem Unterschied dass du ihn lieber nicht gleich ohne Leine los laufen lässt und hoffst dass es schon klappen wird, da von Anfang an mit einer Schleppleine (keine Flexileine!) arbeiten.

Stehst du einem sturen Charakter gegenüber, oder einem Hund der das Kommando zwar kennt es aber nicht richtig verknüpft hat, fang von Null an.

„Hier“ neu aufbauen

Ich habe vor 2 Jahren das Apportieren mit Ari noch einmal von Null aufgebaut, da er es einfach nicht richtig verstanden hatte und mir gezeigt hat dass er es absolut nicht gerne macht. Ich bin also eines Tages losgezogen und habe mit meinem, damals 5-jährigen, erwachsenen Hund wie mit einem Welpen von ein paar Wochen das Apportieren geübt. – Jeder, der an uns vorbei kam, muss sich gedacht haben: „Die spinnt doch!“ Das war mir aber völlig egal und wir haben weiter geübt bis Ari mir nach ein paar Tagen zuverlässig alles freudig gebracht hat, was ich so weggeworfen habe (manchmal auch Dinge die nicht von mir waren. :D).

So macht man das auch beim „Hier“. Nimm dir Zeit, viele tolle Leckereien oder den Lieblingsball und eine Schleppleine und los geht’s. Wenn du zuerst im Garten oder im Haus üben kannst ist das natürlich von Vorteil.

Entferne dich ein bisschen vom Hund und flöte ihn an, als wäre er gerade in diesem Moment der allerbeste Schatz auf der weiten Welt, das „Hier“ dazwischen nicht vergessen. Kommt dein Schnuffel auf dich zu, gerne schon lobend einwirken, ist er bei dir: Jackpot! Toben, kuscheln und Spielen, es ist alles erlaubt.

Es kann auch vorkommen, dass dein Hund schon von Anfang an nicht reagiert oder auf halben Wege abdreht und nicht kommt. Bleib ruhig, entspannt und werde nicht energisch. Ihr seid beim Üben, da dürfen Fehler und Rückschritte vorkommen. Sofern es die Situation zulässt, kannst du einen leichten Ruck an der Schleppleine als Meinungsverstärker nutzen und dabei nochmal „Hier“ sagen. Aber nicht im Tonfall einer Mama, die gerade etwas entdeckt hat was sie nicht hätte sehen dürfen; vielmehr mit dem einer Omi die dir alles verzeiht. 😉 Auch funktioniert es oft gut wenn du dich ein paar Schritte dabei entfernst und in die Hocke gehst.

Neue Distanz, neue Körperhaltung und ganz wichtig, einfach ein neuer Versuch. Nicht aufgeben und nicht entnervt mit den Worten: „Na dann leck mich doch am ****!“ die Übung abbrechen. Wenn du merkst es ist heute nicht der Tag des „Hier“- Kommens und dir geht die Geduld aus: Lass es und versuche es später wieder.


Fehler machen und auch mal sauer werden? Na klar!

Klar kann man Fehler machen, die sind ganz normal. Ob Anfänger oder erfahrener Hundebesitzer, jeder macht mal Fehler. Aber die sind teils auch gut, du solltest sie nur schnell entdecken.

Wie ich in dem Artikel „10 Tipps – Wie du mit deinem Hund erfolgreich trainieren und ihm neues beibringen kannst“ geschrieben habe, nimm es auf Video auf. Wenn du ein Video mit der Übung hast, siehst du Fehler leichter und kannst es korrigieren.

Und was die Geschichte mit dem „Sauerwerden“ angeht: Du erwartest jetzt sicherlich dass ich mir ruhiger Stimme sage: “ Nein, natürlich nicht. Bleibe ruhig und gelassen. Zeige deinem Hund nur Freude und eine ruhige Haltung.“ Aber so einfach ist das nicht, auch wenn man es überall liest und jeder Ratgeber kein Wort über emotionale Regungen schreibt. Natürlich wird man mal stinkig und ist frustriert. Die Kunst ist es solche Regungen nicht sinnlos am Hund auszulassen und wenn, dann nur kurz als Werkzeug zu nutzen. Rufe ich meinen erfahrenen Hund zum neunundzwanzigsten Mal und dieser zeigt dir imaginär den Mittelfinger, dann werde auch ich mal ruppig und werde in der Stimme deutlicher. (Jeder der mich kennt, muss jetzt sicher schmunzeln und denkt sich: „Die untertreibt aber ziemlich.“)

-> Ja ich werde dann mal laut und ja ich habe trotzdem eine sehr gute Bindung und Beziehung zu meinem Rudel die auf Vertrauen, Liebe und Respekt aufbaut. Auch in einem Rudel oder einer Familie ist man mal laut, oder stinkig. Ich kann nicht immer mitten auf einer einsamen Wiese Räucherstäbchen anzünden und meine innere Mitte suchen, manchmal müssen meine Jungs auch mal einen kleinen „Anschiss“ bekommen. Ich würde keinen meiner Hunde jemals wehtun oder die Fassung verlieren, ich nenne solche Momente gerne auch den „Dr. Jekill und Mr. Hyde“-Moment. Ich zeige kurz meinen Ärger und bin danach wieder gelassen und freue mich über die kleinen Erfolge – was manchmal sehr schwer ist, aber mit Übung geht das schon. Jeder hat solche Momente in denen er sich schämt oder im Erdboden versinken möchte, weil sein Hund schon wieder zu der Tante mit dem kleinen Pudel abgehauen ist oder dem Nachbarn an dessen Haustür „Hallo“ sagen möchte… absolut jeder.

Ich sage trotzdem dass es sich lohnt, die Mühe und die Zeit dafür zu investieren. Nach ausgiebigem Trainieren und erfolgreichem Üben kannst du deinen Hund ableinen und ihn herumtollen lassen. Ihn kurz über den einen kleinen Hügel alleine gehen lassen oder von Weitem dem Nachbarn winken.

Es ist ein unnatürliches Verhalten, das wir Menschen von unseren Gefährten wollen. In einem Hunderudel gibt es soetwas wie „Abrufen“ nicht, sie gehen gemeinsam, verstreut oder in der Gruppe, aber sie gehen gemeinsam. Wir wollen dass der Hund auf den Punkt und auf das Wort zu uns kommt oder dass er immer in ähnlichem Abstand bei uns bleibt. Das muss eben geübt werden.

Aber ich weiß dass es jeder, mit unterschiedlichem Erfolg, schaffen kann. Ari, der nordische Wildfang, hat es auch verstanden; also schaffst du das auch. 🙂

„Dr. Jekill und Mr. Hyde“ aka. the small pack




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